„Wir sind arabisiert“ – Tagesspiegel auf Klickfang bei Rechten

Man fühlte sich zurückversetzt in’s Jahr 2005, wo die die Grenzen des Kulturkampfes bei Zeitungen wie dem Tagesspiegel klar waren. Ausländer = Problem, viele Ausländer = großes Problem. Nun, wir sind aber doch im Jahr 2018, wir Berliner sind doch multikulturell gereift, haben die „Flüchtlingskrise“ überstanden, eine „Internationalmannschaft“, Berlin ist nun „Weltstadt“, und wir wissen, was passiert wenn man Leuten wie Trump oder der „AfD“ in die Hände spielt? Jein. Vielleicht weiß man all das auch beim Tagesspiegel, kann es aber sehr gut verstecken, etwa dann, wenn es um die Klicks der Rechten geht, die man aber doch gerne hätte.

Um den Berliner Weltstädtern die komplexer werdende Realität nahezubringen, setzt der Tagesspiegel auf Angst. (cred: Web)

 

Denn beim Thema Migration und migrantische Berliner verfällt der Tagesspiegel gerne in alte Muster. So beklagen Sandra Dassler und Sylvia Vogt im Tagesspiegel erst vergangene Woche wieder, dass deutsche Muttersprachler an „einigen Schulen in Neukölln und Mitte“ in der „Unterzahl“ sind. Schon am leicht militaristischen Wortschatz wird dem „geschätzten Leser“ klar – es geht um „wir gegen die“. Dazu passen auch die „knackigen“ Zitate im Artikel:

Wir werden arabisiert

Die leben vor allem in der Köllnischen Heide und lehnen eine Integration nicht nur ab, sondern bekämpfen sie regelrecht

Man kann sich das wonnige Gefühl des reaktionären Berliner Rentners regelrecht vorstellen. All das wusste er ja schon vorher, und jetzt kommt der Tagesspiegel – endlich mal wieder – und bestätigt das auch noch mit „Experten“.

Der hier aufgeführte Experte ist übrigens ein gewisser Arnold Mengelkoch, seines Zeichen „ehemaliger Integrationsbeauftragte von Neukölln“, ein CDU-Mann, den man heute auf ultraseriösen Plattformen wie RT Deutsch rezipieren kann, wenn man Lust drauf hat.

Dazu wird mit in der Tendenz falschen Behauptungen operiert:

 Erst im Mai dieses Jahres hatten Lehrer und Erzieher der Sonnen-Grundschule in Neukölln Alarm geschlagen.

Ja, sie haben Alarm geschlagen, aber nicht weil es „zuviele“ Kinder mit Migrationshintergrund an ihrer Schule gibt, sondern aufgrund hoher Arbeitsbelastung, hohen Krankenstands und mangelnder Ressourcen insbesondere beim inklusiven Arbeiten. Hier wählt der Artikel den Weg des modernen Rechtspopulismus: Hetze gepaart mit Halb- und Unwahrheiten. Klar, der Artikel behauptet es nicht direkt, insinuiert es aber.

Man schürt weiter Ängste:

Leiter von weiterführenden Schulen, auch von Gymnasien, können das bestätigen: „Jedes Jahr kommen mehr Mädchen mit Kopftuch aus den Sommerferien zurück“, erzählt eine Lehrerin, die nicht genannt werden will: „Schülerinnen, die das ablehnen, werden als Schlampen beschimpft und ausgegrenzt.

Horrorszenarien, wohin man blickt. Freilich kann ich das als Lehrer an einer Neuköllner Schule nicht bestätigen. Meinem Gefühl nach nimmt die Zahl der Schülerinnen mit Kopftuch weder zu, noch nimmt sie großartig ab. Und hier auch die Gefahr nochmal explizit: Hat sie die Kinder mit Kopftuch gezählt, oder geht es um Gefühlswahrheiten? Mit denen wäre ich vorsichtig, bevor ich sie Journalisten ins Notizbuch diktiere.

Man könnte ja allerdings auch fragen: So what? Selbst wenn sie zunähme, was hieße das? Es handelt sich hier um Lebensentscheidungen der Trägerinnen, die sehr unterschiedlich und individuell sind. Selbst wenn es bedeuten würden, hier wendet sich jemand von der deutschen Gesellschaft ab (und das ist die – undemokratische – Unterstellung hier), wird es mit so einem Artikel besser, oder geht es uns – ehrlicherweise – sowieso wieder nur um die Klicks rechter LeserInnen? Interessiert es uns überhaupt? Wo kommen denn muslimische Mädchen sonst groß vor, in der Berichterstattung des Tagesspiegels, wenn nicht als gesellschaftliches Problem?

Auch schön natürlich die „Lehrerin, die nicht genannt werden will“. Es gibt tausend Gründe, warum sich SchülerInnen und Schüler in Berlin beschimpfen, zumindest ich habe noch nie gehört, dass es in der Masse entscheidend war, ob sie Kopftuch tragen oder nicht. Klar: Auch hier bespielt der Artikel wieder die Fieberträume rassistischer, weißer  Männer.

FAZIT

Haben die Berliner Schulen Probleme? Ja. Gibt es Lehrer am Ende ihrer Kräfte, Lehrermangel und immense Krankenstände? Mit Sicherheit. Gibt es Probleme mit Kindern, die schlecht Deutsch sprechen? Ja. Gibt es Probleme mit mangelnder Disziplin? Ja, klar.

Aber diese Probleme sind nicht auf SchülerInnen mit Migrationshintergrund beschränkt. Auch Schulen mit minimalen Anteilen an Schülern mit Migrationshintergrund (etwa in Ostberlin) haben ganz ähnliche Probleme – Gewaltbereitschaft, Disziplinlosigkeit und Bildungsferne, Sprach- und gesundheitliche Probleme. Mit dem Framing auf Neukölln und Wedding wird hier ein Fokus aufs Scapegoating gesetzt, die Probleme werden nicht mal ansatzweise analysiert. Warum auch? Das Urteil, warum alles so schlecht steht, steht schon vorher fest:

Im Schuljahr 2015/16 gab es 33 Schulen – vor allem in Neukölln und Mitte – mit einem ndH-Anteil von über 90 Prozent.

Dies wird an immer mehr Schulen der Normalfall und es verbietet sich, das zu skandalisieren. Entweder man fängt langsam an, Berliner Realitäten zu akzeptieren und produktiv mit ihnen umzugehen – all diese Menschen werden nicht „nach Hause“ gehen, später, sie sind BerlinerInnen – oder man verliert an richtigerweise an gesellschaftlicher Relevanz.

Kurzfristiger Nutzen?

Ein paar „AfD“-Leser werden klicken, Angst haben und das nächste Mal wieder „AfD“ wählen. Vielleicht auch ein paar Nicht-„AfD“-Wähler. Bravo, wenn das das Ziel einer modernen Großstadtzeitung ist, kann man sich nur noch an den Kopf fassen.

Junge Frauen würden nach der Lektüre eines solchen Artikels eher zum Kopftuch greifen, junge Lehrer sich doch wieder in Zehlendorf oder Prenzlauer Berg bewerben. Das auch noch zum Thema Buschkowsky, den viele nach wie vor für eine Instanz und einen Helden der Neuköllner Lokalpolitik halten. Politiker wie er sind mit ihren rechtspopulistischen Umtrieben am heutigen Lehrermangel in Teilen Berlins Mitschuld. Sonst sind die Mitnahmeeffekte dieses Artikels bei zero.

We can’t have it both ways, lieber Tagesspiegel, entweder wir sind Teil des Problems oder wir versuchen zumindest, Teil der Lösung zu sein. Manchmal ist die Welt dann eben doch so simpel.

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