Warum das Web 2.0 den Faschismus begünstigt (Teil 2)

Das World Wide Web war vor nicht allzu langer Zeit Hoffnungsträger von Basisdemokraten und Linken; diese Zeiten sind vorbei. Heute tummeln sich hier Massen von Faschos und solchen, die es werden wollen. Populisten nutzen geschickt die Effekte des Netzes, um Ihre Themen zu setzen und Macht zu erlangen. Einige Effekte begünstigen den Faschismus im Netz – hier Teil zwei.

In Teil eins habe ich den von mir so genannten Online-Rudel-Effekt und den scheinbare-Mehrheiten-Effekt besprochen. Rechte User vernetzen sich an verschiedenen Orten im Web 2.0 gezielt und geschickt, um eigene Themen auszutauschen und zu platzieren. Orte sind etwa Kommentarspalten der großen Medienunternehmen auf Facebook. Ideologisch aufrüsten tun die User allerdings schon vorher.

gute Stimmung: Auf sozialen Medien trifft man immer nette Leute.

 

Der Echokammer-Effekt

Nicht von mir, natürlich. Musste aber unbedingt in diesen Artikel, da nicht nur wichtig, sondern auch gefährlich. Durch die große Fragmentierung des Netzes und die Fülle verschiedenster Medien kann sich Mensch ein mediales Bild zusammenschustern, dass ausschließlich die eigene Sicht der Dinge bestätigt. Inzwischen funktionieren in den USA etwa Medien wie FOX News fast ausschließlich nach diesem Prinzip. Hier wird zu gefühlt 95% positiv über Trump berichtet (die Zahl stammt von mir). Die Seiten von Pegida und der AfD sind Umschlagsplätze für Hatemedien aller Art. Nicht ganz ungefährlich: hier werden Leute nicht nur für die Kommentarschlacht auf den seriösen Kanälen munitioniert, hier liest sich manch einer eine derartige Wut an, dass er zum Brandsatz greift.

GILT DAS ALLES NICHT AUCH FÜR LINKE USER?

Jetzt kann man natürlich sagen, all dies gilt doch auch für User des linken Spektrums. Ja! Auch die schließen sich gerne einmal in ihre Echokammern ein und lesen nur genehmes. Dennoch, und das ist erneut ein Effekt von Facebook, werden ihre Themen von den Medienhäusern ganz anders gesetzt.

Der Konflikt-Klicks-Effekt

Ich kann mich an Tage erinnern in den vergangenen zwei Jahren, in denen ich auf Facebook, das ich primär als Newsfeed nutze, fast ausschließlich folgende Gesichter gesehen habe: Trump, Le Pen, Erdogan, Seehofer, Gauland. Vor ein paar Jahren war es Sarrazin. Einmal Facebook runterscrollen 2017: SZ bringt die AfD, Tagesschau bringt Trump und Seehofer, der Tagesspiegel beide, auf Spiegel läuft was zur AfD. Auf Tagesspiegel.de hatte die AfD lange Zeit eine eigene Rubrik – als einzige Partei. Keine Bürgerbewegung hat in den vergangenen Jahren so viel Presse bekommen wie Pegida. Kein Thema wurde in Deutschland im Jahr 2018 soviel gespielt wie Flüchtlinge; das meistens natürlich in Verbindung mit dem Gesicht von Seehofer, Seehofer, Seehofer und nochmal Seehofer. Dazwischen möglicherweise ein weichgespülter Kommentar von Katrin Göring-Eckardt, intelligent zwar, aber von keiner Sau gelesen.

Denn Themen wie die Pflege, der Klimawandel, der demographische Wandel, die EU, all dies wären wichtige Themen, sie sind aber komplex, und daher bringen sie eines nicht: Klicks. Und genau darum geht es auf Facebook, und um nichts anderes. Konflikt ist hier das Zauberwort; neben Katzenbildern und Human Interest Storys (Zwillinge werden bei Geburt getrennt und treffen sich mit 70 das erste Mal) sind das die einzigen Geschichten, die klicken. Seehofer und Gauland reden uns ein, Flüchtlinge nehmen uns alles weg und stechen uns ab, daher bräuchten wir „starke Anführer“, die uns beschützen. So ein Artikel klickt und wird daher auf Facebook gebracht; in der Kommentarleiste sind binnen kürzester Zeit dank des Online-Rudel-Effektes jede Menge Rechte, die sich selbst auch für stark halten aber beschützt werden wollen. Da sind Flüchtlinge die Bösen, wir weißen, angsterfüllen Männer die Guten. Erheblich spannender als ein Plädoyer zur Umbau der Pflegeversicherung – und leichter verständlich natürlich auch.

Schon aufgrund unserer immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne können wir komplexere Themen kaum noch lesen. Und auch bei den Konflikt-Artikeln – sind wir mal ehrlich – haben wir den Teaser noch nicht ganz fertig gelesen und hacken schon die erste Beleidigung in unser Keyboard.

Facebook ist da völlig wertfrei, klickt ein Artikel viel, landet er oben im Zeitstrahl. Die Kommentare, die am meisten User-Commitment bekommen – meist schlichte Provokationen schlichter User – landen wiederum im Kommentarbereich ganz oben. Nicht der journalistisch wertvollste (wer wollte das bestimmten?), noch der lehrreichste (wer wollte das bewerten?), nur der meistgeklickte. Es herrscht, und das darf nicht verwundern, die Logik die auch bei privaten Fernsehsendern gilt: Profit. So stellen die Medienhäuser, Facebook und die User sicher, dass nahezu ausschließlich rechte Themen geframet und gespielt werden, und das rund um die Uhr. Und da Twitter da stark verwoben ist und parallel mitläuft, wird das Web 2.0 in seinen schlimmsten Zeiten zu einer einzigen, gewaltigen Echokammer. Es kommen nur noch Flüchtlinge. Interessant bei einem Medienunternehmen wie Facebook, das wahrscheinlich in erster Linie hochgebildete Liberale beschäftigt. Durch ihre (unser aller) Wertelosigkeit vernichten sie nach und nach die Grundlage, auf der sie gebaut wurden.

Und so profilieren sich Politiker wie Seehofer und Trump; sie setzen die „richtigen“ Themen; Themen, die eine einfache Logik haben und ihnen politisches Kapital bringen. Mexikaner sind kriminell? Mauer. Flüchtlinge sind bös? Abschieben. Klar, dass die dann gewählt werden. So funktioniert Populismus, und daher ist es auch kein Zufall, dass der Populismus in Zeiten des Web 2.0 so stark ist.  Die meisten von uns werden noch sehen, wie er langsam die parlamentarische Demokratie, wie wir sie aus dem 20. Jahrhundert gerettet haben, zersetzen wird.

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