Warum das Web 2.0 den Faschismus begünstigt (Teil 1)

War das Internet vor nicht allzu langer Zeit noch der Hoffnungsträger von Linken, Direktdemokraten und Grassrootslern, sind diese Hoffnungen größtenteils verflogen. Tatsächlich sind es heute meist Faschos, Populisten und Autokraten, die auf dem Web 2.0 spielen wie auf einer Violine, und es zum Erlangen und Festigen antidemokratischer Strukturen nutzen. Das soziale Netz macht es genau diesen Playern leicht.

User nach dem Lesen einer Facebook-Kommentarspalte über Flüchtlinge.

 

Am Anfang – so in den frühen 2000ern – fanden wir es alle toll. Im Netz chatten mit Leuten aus aller Welt, Inhalte teilen, mit Leuten in Kontakt kommen und bleiben. In der Frühphase des Web 2.0 schienen die Möglichkeiten endlos, die Begeisterung ebenso. Revolutionär (pun intended) schienen auch die politischen Möglichkeiten, die soziale und antiautoritäre Bewegungen durch das neue Medium nutzen könnten. Die analoge Zensur der greisen Machthaber wurde umgangen, Informationen wurden in Echtzeit einer wachsenden Weltöffentlichkeit zugängig gemacht. Und jene Infos hatten das Potenzial, genau jene Machthaber zu Fall zu bringen. Jeder konnte mitschreiben, mitfiebern, mitkommentieren. Mit dem Netz 2.0 schien DIE Waffe der internationalen Demokratisierung und mithin des 21. Jahrhunderts festzustehen.

Diese Begeisterung dürfte nun, keine 20 Jahre später, bei den Allermeisten beim Henker sein. Bei mir zumindest ging das schnell; schon 2006 stellte ich in Online-Foren etwa bei Tagesspiegel Online fest – damals noch mit einigem Entsetzen -, dass dort primär Rechte kommentierten, und dass dort Hass gegen Minderheiten, Sexismus und Homophobie der absolute Normalfall waren. Die paar wenigen Demokraten, die versuchten, dagegen anzuschreiben, gingen in der reaktionären Suppe einfach unter. Moderiert wurde in der ersten Zeit so gut wie nicht, das kam später, ich nehme an, weil es für viele Leser zunehmend zur Zumutung wurde, all diesen Müll zu lesen. Mir wurde es schlecht bei dem Gedanken, dass dies ein Querschnitt der Bevölkerung Deutschlands sein sollte; waren die Nazis jetzt wieder überall?

Nicht ganz, aber die Tendenz war schon richtig und hat sich auch mit den darauf zunehmend populär werdenden Netzwerken, insbesondere der Massenplattform Facebook, verstetigt. Wohin man auch kam, die Braunies waren schon da. Anders als alle gehofft hatten, entwickelte sich das Netz nicht in erster Linie zum Umschlagsplatz für freiheitliche und demokratische Ideen, sondern für Menschen die hämische Smileys setzen bei Berichten über ertrinkende Geflüchtete, die mit Lügen und Halbwahrheiten Helfer diffamieren und rechte Agenden pushen, die Beschimpfungen und Todesdrohungen schreiben. Sollten Außerirdische etwas über die „Natur“ der Bewohner dieses Planeten erfahren wollen…ein kleiner Blick auf Facebook genügt, und man kann kotzen so lange und viel man möchte.

Schlimmer noch als die täglichen menschlichen Mikroabgründe ist aber, dass Demagogen und Populisten die Effekte des Netzes mit äußerster Effektivität nutzen. Auch dank „sozialer“ Medien sind sie überall in Europa auf dem Vormarsch; wohin man guckt werden die Rechte von Minderheiten gestaucht, Grundrechte gestutzt, einstmals stolze Bastionen der liberalen Demokratie tanzen nun nach dem Takt der Populisten und Autokraten. Dies alles nicht trotz, sondern (auch) wegen der sozialen Medien. Wie kam es dazu? Mehrere Effekte bedingen den Faschismus im Web.

1. Der Online-Rudel-Effekt

Wo der „Troll“ – ein hinreichend von den Medien besprochenes Phänomen – auftritt, kommen schnell andere hinzu. Und sie sind auch eigentlich immer da und der erste Kommentar auf Facebook stammt schon von ihnen. Schnell entsteht ein Machtpotenzial, das formbar ist. Seltsamerweise sieht man rechte User auch bei Qualitätsmedien, die sie ja eigenen Aussagen zufolge hassen. Ist aber eigentlich nicht seltsam, denn genau hier wird dieses Potenzial ausgespielt. Wer sich immer gefragt hat, was macht ihr Rechten hier, warum nutzt ihr nicht Eure Medien; kommentiert doch bei Sputnik, Epoch Times, Breitbart und so weiter! Dafür gibt es gute Gründe.

Einmal wissen natürlich auch unter den rechten Usern die meisten, dass die journalistischen Standards der Medien, die sie nutzen, größtenteils Schrott sind. Und Artikel, die ihre schäbigen Ansichten auf Tagesschau oder Spiegel Online bestätigen, sind dann natürlich um so wertvoller. Denn sie entspringen hochwertiger(er) journalistischer Arbeit, sie zu teilen stärkt die eigene Position erheblich. Dass Rechte sie sie an anderer Stelle als „Systemmedien“ dissen, ist dann unerheblich. Man kann dann ja immer noch schreiben: Sogar die Systemmedien liegen dieses Mal richtig. Letztlich heiligt ja immer der Zweck die Mittel und man könnte sogar sagen: bei RT Deutsch und Sputnik usw. munitionieren sie sich, bei Tagesschau.de wird gekämpft.

Dazu kommt, dass User aus dem rechten Spektrum die „Systemmedien“ nutzen, um „sich selbst“ zu treffen. Sie möchten insbesondere auf den Facebookseiten seriöser Medien andere Leute treffen, die ihre menschenfeindliche Meinung teilen. Sie würden alles tun um festzustellen, dass viele andere Menschen der „Mitte“ auch Flüchtlinge im Meer ersaufen sehen wollen. Weil es, zumindest nach meiner Küchentischpsychologie, das Dasein als Arschloch einfach erträglicher macht, wenn Andere die Dinge genauso sehen. Nicht immer sind sie jedoch tatsächlich so intensiv präsent, wie es den Anschein hat.

 

So hätte Facebook bei „Tron“ ausgesehen.

 

2. Der Scheinbare-Mehrheiten-Effekt

Für rechte User ist es natürlich interessant, dass sie in den Kommentarspalten auf Facebook konzertiert den Schein großer Mehrheiten für ihre Thesen erzeugen können.  Auf rechten Seiten wird gezielt dazu aufgerufen. Sinn: ad 1 – manche politisch Unentschiedene beeindruckt der scheinbare Druck der „Mehrheit“. Das ein oder andere schwankende Rohr lässt sich auch von einer Lüge überzeugen, wenn sie nur von Vielen wiederholt wird. Ad 2 – Sie fühlen sich im Rudel sicher. Und dank ihrer Übermacht wird das Ressentiment zu „Common Sense“, Rassismus zu „Realismus“. Viele Thesen der Republikaner im Trump-Wahlkampf sind dank dieser Effekte auch in der Mitte und bei Linken wiedergekäut worden, Stichwort „Crooked Hillary“.

(FAZIT) User aus dem rechten Spektrum nutzen das Netz intensiv, sind leicht erreichbar und leicht vernetzbar. Da sie überall zu sein scheinen und das in großer Zahl, können sie Druck auf Medienunternehmen ausüben, Themensetzungen beeinflussen, Artikel zu ihren Günsten nachkommentieren. So wurde nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015 in Köln das mediale Framing von kriminellen Ausländern und Menschen mit Migrationshintergrund noch verstärkt, so dass es in den Monaten danach zunehmend den Anschein hatte, das Thema „Ausländerkriminalität“, das eigentlich so und so ein Thema der Rechten ist, sei vernachlässigt, ja verschwiegen worden.

mehr in Teil 2 (soon)

 

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