Die bösen “Ausländer” und das Columbiabad

Der Tagesspiegel stellt heute mal wieder eindrucksvoll unter Beweis, wen er als seine eigentliche Leserschaft sieht: Den verängstigen, leicht reaktionären Westberliner in den 50ern, in dessen Vorstellungswelt alles noch ist wie früher: Es gibt “Deutsche” und es gibt “Ausländer”. Und Ausländer, heute amtssprachlich “Menschen mit Migrationshintergrund” genannt, machen ihm Angst – insbesondere Jugendliche. Und “wir”, die gutmütigen aber doofen Deutschen, stellen diesen bösen Menschen sehr viele tolle Dinge zur Verfügung, die sie dann kaputt machen. So wie etwa das Neuköllner Columbiabad.

Tummelplatz des Bösen: das Columbiabad in Berlin-Neukölln.

Tummelplatz des Bösen: das Columbiabad in Berlin-Neukölln. (Flickr/Onnola/CC BY-SA 2.0)

Tja – da es offenbar diesen Sommer keine Roma im Görlitzer Park gibt, die man gemeinsam mit der Leserschaft ausweiden könnte, sieht es ganz danach aus als ob sich wieder vermehrt Neuköllner Jugendliche über die mediale Zuwendung des tsp freuen dürften. So berichtet das Blatt am heutigen 13.06.2014 von Jugendlichen “mit Migrationshintergrund”, die über die Pingstfeiertage im Columbiabad an drei Tagen Polizeieinsätze auslösten, weil sie den Sprungturm blockierten. An einem dieser drei Tage war ich im “Culle”, wie meine Schülerinnen und Schüler das Bad nennen.

Das Personal war mit den Jugendlichen tatsächlich überfordert, das sag ich ohne Vorwurf und als jemand, der jetzt inzwischen auch schon etwas Erfahrung im Umgang mit Kids aus der Gegend hat. Aber die Durchsagen des Bademeisters -  dieser teils vorwurfsvolle, teils drohende, teils jammervolle Ton, diese schnarrenden Befehle in sächsisch (“Verlassn Sjie umgehend die Wassafläsche!”) – wer soll das Ernst nehmen? Auf der Liegewiese sorgte das für ausgiebige Lacher. Wenn es massiv Ärger gibt, verstehe ich, dass das Sicherheitspersonal gerufen wird, aber Polizeieinsatz und Räumung des Bads, nur weil ein paar Jugendliche auf dem Sprungturm abhängen? Maßlos und übertrieben – für die überhitzten Kids nur eine Herausforderung, es wieder zu probieren. Warum sperrt man nicht einfach den Turm für ne Stunde und sorgt für Sicherheitsabstände bei den Schwimmern? Warum muss man den Turm räumen? Warum bleibt man nicht ein wenig souverän und cool? Warum hat man wie so oft in Berlin Personal, das von den Lebensbedingungen dieser Kids keine Ahnung hat und ihnen auch so gut wie keine Sympathie entgegenbringt?

Dem normalen Tagesspiegelleser ist das alles viel zu viel – er ergeht sich in der Kommentarspalte in  Law&Order-Rasereien:

Dass sind doch genau die Fälle wo “Blitz-Urteile” nötig wären. Die Polizei muss sofort mit ordentlicher Kopfzahl anrücken, sich nicht einschüchtern lassen sondern ausnahmslos alle Beteiligten festnehmen und sofort ab vor den Kadi. Beweisverfahren, Urteil binnen 48 Stunden! Und es braucht Strafen die solche Typen schmerzen: Geld, Fahrverbote inklusive Stilllegung der fahrbaren Untersätze und Sozialarbeit – nicht Knast, dass ehrt viele noch in manchen Kreisen.(…)

Und bei Geldstrafen muss es *richtig* weh tun, unter 10000 Euro geht da nix – und dann auch ohne wenn und aber eintreiben.

1000 Euro Strafe, weil man auf dem Sprungturm eines öffentlichen Schwimmbades war? Geht’s noch? Doch dieser Abgesang auf die zivilisierte Welt toppt alles:

Der “Normalbürger” muß sich immer weiter zurückziehen, um der Gewalt und Randale auszuweichen (siehe Schule, ÖPNV, Parks, Freibad, …).

OMG ja, man kann nur noch in Ritterrüstung auf die Straße. Ist halt leider so. Klar, dass da weitere Tagesspiegel-Artikel folgen werden, das lässt man sich nicht entgehen. Schließlich gehts um Jugendliche “mit Migrationshintergrund” – dass der Migrationshintergrund in Städten inzwischen der Normalfall ist, dass sich Jugendliche bei dieser anhaltenden Stigmatisierung immer weiter zurückziehen werden und dieser Gesellschaft auch immer weniger Respekt entgegenbringen werden, who cares. Wie so oft, demonstriert meine Stadt ein mangelndes Verständnis für seine eigenen Jugendlichen – das städtische Personal, die Journalisten, die Foristen im TSP – man muss sich von Jugendlichen nicht alles gefallen lassen, aber ein grundsätzliches Verständnis für junge Menschen braucht es eben an neuralgischen Punkten. Und zu denen gehören auch Schwimmbäder.

 

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