“Neu-rechte” Montagsdemos: Die Attraktion von Verschwörungstheorien

Man möchte nur Frieden, hat alle Menschen lieb, denkt nicht in links-rechts-Schemata. Das Credo der sogenannten neu-rechten Montagsdemonstrationen 2014 hat etwas erfrischend apolitisches, fast naives. Nur um Frieden geht es ihnen jedoch beileibe nicht.

Handelsübliche "Chemtrails", mit denen FED (wahlweise: CIA, EU, Mossad, NSA) Menschen zu willenlosen Puppen machen. (Bild: jkl-foto, Wikipedia)

Handelsübliche “Chemtrails”, mit denen FED (wahlweise: CIA, EU, Mossad, NSA) Menschen zu willenlosen Puppen machen. (Bild: jkl-foto, Wikipedia)

Es mag nicht direkt ein Thema für Berlintegration sein, aber die in den Medien als “neu-rechts” bezeichneten Montagsdemonstrationen faszinieren mich. Als ich vor etwa zwei Wochen das erste Mal mit dem Gedankengut von Personen wie Jebsen, Mährholz, Elsässer und Konsorten konfrontiert wurde, dachte ich mir nur: “Hä? Warum soll die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Betonung: Eine Privatbank) an allen Kriegen der vergangenen hundert Jahre Schuld sein?”

Paranoia und Orientierungslosigkeit sind bekannte Symptome der Postmoderne. In einer komplexen und offenkundig immer komplexer werdenden Welt sind sie Krisenerscheinungen. Ich finde es bezeichnend, dass gerade im Angesicht des Ukraine-Konflikts eine Friedensbewegung auftritt, die genau diese Symptome so offenkundig zur Schau stellt. Denn auch wenn der schnell herbei gefaselte “3. Weltkrieg” so wahrscheinlich nicht passieren wird, sind die Zuspitzungen zwischen Russland und den USA schon beunruhigend, Angst nicht abwegig.

Die Verschwörungstheorie bietet ihren Anhänger Abhilfe und das Handwerkszeug zur Selbstemanzipation: In einer multifaktoriellen, unübersichtlichen Krise mit unterschiedlichsten Akteuren und Interessen, gibt es nun – angenehm zusammengedampft – einen Schuldigen. Die FED. Überhaupt gab es den bei allen anderen Kriegen zuvor auch. Immer wars die FED. Man müsse, laut den Montagsdemonstranten, nur selber recherchieren und darf “den Medien” nicht alles glauben, dann erkennt man die “Wahrheit” und “wacht auf”. Wie Andreas Hallaschka auf Freitag.de berichtet, geht der Spuk tatsächlich noch tiefer: So glaubt man in diesen Kreisen verschiedentlich an reptilienartige Wesen, die tatsächlich die Welt beherrschen, an vergiftete Kondensstreifen am Himmel, die Menschen manipulieren (so called Chemtrails) etc. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, für jede urige Idee gibt es einen Abnehmer. Entscheidend aber immer: Die Meinung darf nicht dem “Mainstream” entsprechen, nicht aus den “Systemmedien” stammen – sonst ist man offen für alles.

Dass die Schuldigen in der Ukraine-Krise mal wieder jüdische Bankiers sind, hat in Deutschland Tradition. Dass nicht Nazi-Deutschland, sondern Juden den zweiten Weltkrieg verschulden, nehmen nicht nur rechte Revisionisten und Schlussstrich-Apologeten dankbar mit. Auch bei Menschen, die keine offenkundigen Anti-Semiten sind, findet die Geschichte Anklang, denn das mit dem deutschen “Schuldkult” “geht ja sowieso zu weit”. Es wird also ein einfaches Weltbild geboten, dass einem aus der Opferrolle verhilft, einem die Exklusivität der “Wahrheit” verheißt und dazu auch noch von unangenehmen historischem Ballast befreit. Klar ist das attraktiv!

Da sich viele Unterstützer dieses Gedankenguts nun doch zumindest ansatzweise bewusst sind, dass ihre Weltformel doch ein wenig zu simpel ist, wird sie dafür umso aggressiver vertreten. So durfte der Blogger Jörg Wellbrock auf Spiegelfechter.com Meinungsfreiheit a la Lars Mährholz kennenlernen. Einen kritischen Artikel ließ Letzterer nämlich sofort juristisch verfolgen, Kritik an Mährholz wurde auch in zahlreichen Kommentaren sofort als “Diffamierung” abgekanzelt.

Der Gedanke des autoritären Charakters drängt sich auf. Von Personen, die Angst haben vor Kontrollverlust und sich eigene Narrativen zurecht-”klabüsern”, stolz mit ihrer “unabhängigen Meinung” hausieren gehn, sich nicht zu Schade sind, über Systemmedien, Schein-Demokratie und EU-Diktatur zu meckern, aber Autokraten wie Putin applaudieren, die Meinungsfreiheit primär als Recht zur Verbreitung des eigenen Unsinns begreifen, Kritik aber sofort gerichtlich wegbügeln wollen.

Man nimmt für sich selbst ja in Anspruch, weder links noch rechts zu sein, was fast ein wenig naiv-apolitisch wirkt, so entrückt von den bösen Parteien, die uns gemeinsam mit FED und Systemmedien verarschen. Man hat alle Menschen lieb. Das antisemitisch-revisionistisch-autoritäre Element verleiht der Bewegung doch aber eindeutig einen starken Rechtsdrall, der bei näherer Betrachtung alles naive verliert. Lernen kann man jedoch auch von Personen wie Lars Mährholz etwas – schließlich sagt jener: Man darf nicht alles glauben, was einem so erzählt wird.

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