Neuköllner Horrorstories – Migrantenkinder sind auch nur Menschen

Nach dem Rütli-Skandal vor einigen Jahren entdeckte das rechte Deutschland ein neues Feindbild für sich: Neuköllner Schulen. An einer solchen unterrichte ich seit einigen Wochen – und erlebe erwartbares wie überraschendes.

Symbolbild: Schulkinder im Pausenhof. (Flickr/Andrew Milmoe/CC BY-NC 2.0)

Symbolbild: Schulkinder im Pausenhof. (Flickr/Andrew Milmoe/CC BY-NC 2.0)

Seit einigen Wochen arbeite ich als Aushilfslehrer an einer Grundschule in Neukölln. Es handelt sich um eine sogenannte “Brennpunktschule” – genau an so einer, vor der das Buschkowsky-Sarrazin-Deutschland Angst hat. Manche Dinge, die mir im Arbeitsalltag passieren, entsprechen den Vorstellungen eben diesen Deutschlands, die meisten würden es jedoch überraschen.

Zunächst das zu Erwartende: Der Arbeitsalltag ist hart, es gibt in den meisten Klassen eine Reihe von ProblemschülerInnen. Es fehlt bei Manchen schon an einem guten Deutsch, bei Manchen fehlt es an simpelsten Umgangsformen – Wann spreche ich im Unterricht, wann darf ich von meinem Platz aufstehen. Manche Schüler wirken in ihren Widerständen gegen alle Anweisungen nahezu autistisch, sind nicht zu bändigen. Klar: Es sind Kinder in der frühen Pubertät, da waren wir alle kleine Zicken. Der Ton an der Schule ist allerdings erwartbar rauer als in bürgerlichen westdeutschen Gymnasien, man ist schneller grob, beleidigend, schlägt schneller zu.

Ich unterrichte zwei sechste Klassen – die eine ist nahezu rein muslimisch, in der anderen gibt es einige Christen. In der Bild-Zeitung, wo Berliner Schulen mit hohen Anteilen an Kindern mit migrantischen Wurzeln regelmäßig stigmatisiert werden, ist meine Schule immer in der Berliner Top Ten mit dem höchsten NDH-Anteil (=Nicht Deutscher Herkunftssprache). Die meisten Kinder sind auch stolz auf ihren muslimischen Glauben, die Herkunftsländer ihrer Eltern (etwa die Türkei, der Libanon, Kosovo) sind für sie Sehnsuchtsorte.

Problematisch sind aus meiner Sicht die Inklusionskinder, die eigentlich sonderpädagogisch betreut werden müssten. Dazu fehlt in den meisten Stunden aber das Personal und für eine Person ist es schwierig, alle in den Griff zu kriegen. Ergo sitzen sie rum, langweilen sich – und manche fangen dann an zu stören. Personalmangel ist sowieso ein Dauerproblem, es gibt sehr viele Krankschreibungen.

Das Deutsch, mit denen sich die Kinder verständigen, ist aus konservativer Sicht eine Katastrophe. Die Kinder *schwören* ständig und auf alles, obwohl ich ihnen stets versichere, ich glaube es auch ohne Schwur. ;) Sie sagen: “Haben wir jetzt Unterrischt mit disch” anstatt “Haben wir jetzt mit Ihnen Unterricht?”. Sie verwenden türkische und arabische Lehnwörter (“Tschüüüsch” (“das türkische “Cus”) und “Lan” etc.) Aber es ist eine funktionale, inklusive Sprache, die für die Kinder viele soziale Funktionen erfüllt – und gelegentlich ist sie auch lustig, denn die Kinder nutzen sie auch schon mal mit Ironie.

Und hier enden schon viele (Wunsch-)Vorstellungen aus dem Weltbild der sogenannten Islamkritiker. Denn die Gleichung, die dort gerne aufgemacht wird, der Islam forciere Bildungsferne, erwies sich mir schon binnen der ersten Tage an meiner Schule als schlichter Unsinn. Die besten Schüler, die auch gerne mit ihren Noten angeben und mit ihrer Gymnasialempfehlung kokettieren, sind zumeist auch gläubig. In Naturwissenschaften machen sie selbstverständlich mit, einige unter ihnen haben Spaß an Mathe. Die größten StörerInnen und Problemkinder sind meist die mit familiären Problemen – Scheidung der Eltern etc.

Am Sportunterricht nehmen ausnahmslos Jungs und Mädchen teil, und wenn nicht, dann weil sie bockig sind, aber nicht aus religiösen Motiven. Die Mädchen, die Kopftuch tragen, tun dies meinen Erkenntnissen nach aus eigenen Stücken. Es gehört zu ihrer Identität. Sie sind deshalb weder verstockt noch herablassend. Christen sind für sie kein Feindbild und Kinder deutscher Herkunft werden auch nicht als “Schweinefleischfresser” oder “Scheiß-Deutsche” ausgegrenzt, allenfalls im Streit, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Da wird dann aber auch schon mal ein schiitisches von einem sunnitischem Kind beleidigt – aber wie es bei Kindern halt so ist: man verträgt sich schnell wieder. Wirklich bösartige Kinder habe ich in den beiden Klassen nicht – im Gegensatz sind einige lieb. Sind sie aber zusammen, sind sie in ihrem pubertären Problemkosmos gefangen und benehmen sich zerstörerisch, verletzend und grenzüberschreitend.

Die Spannungslinien sind nicht “Muslime/Christen” oder “Ausländer/Deutsche” oder wie es man sich sonst so bei Rechten vorstellt (da es ihrem einfachen Horizont entspricht), es sind meist Jungs gegen Mädchen – wie es damals auch bei uns war. Klar verknallen sie sich jetzt auch schon ineinander, aber die Maxime “Jungs/Mädchen sind doof” ist auf beiden Seiten noch vorherrschend. Ansonsten tragen die Kids Turnschuhe, hören Musik wie “One Direction” , “Big Time Rush” und Bushido, essen am liebsten Pizza und Döner und gucken gerne Sponge Bob. Viele lesen auch gerne.

Was da heranwächst, sind keine religiös verblendeten Parallelgesellschafts-Taliban, es sind ganz normale westliche Kinder mit normalen Wünschen und Zielen. Allerdings mit viel mehr sozialen Problemen – und identitären. Denn als Entschuldigung für mangelnde Konzentration führen sie schon mal “Wir sind doch Ausländer, wir können das nicht” ins Feld – obwohl nicht wenige einen deutschen Pass haben und in Berlin geboren sind; also de facto mehr Berliner sind als ich. Und das ist das Riesenproblem – die Gesellschaft sagt ihnen, sie gehören nicht dazu, sie glauben es. Verloren sind die Kinder auf keinen Fall, aber sie können leicht verloren gehen. Es braucht auch ein Umdenken in der Gesellschaft, und das schnell.

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