Integrationsbereitschaft – warum sie von der Gesellschaft ausgehen muss

Es heiße ja schließlich, man müsse sich integrieren – so wird in deutschen Onlineforen und Kommentarspalten gerne auf die – im gleichen Atemzug genannte – “Bringschuld” der Zuwanderer verwiesen. BringSCHULD. Man erkennt an der Terminologie an sich, dass die pure Zuwanderung nach Deutschland ein mit “Schuld” versehener Vorgang ist. Der gleichen Denke entspringt auch die Phrase „an einem Ort sein, wo man hingehört”, bzw. „dorthin wieder abhauen, wo man hingehört“. Nur: wer bestimmt, wo man hingehört? Ein legitimes Dasein führt offenbar nur der Mensch, der den Ort seiner Geburt, zumindest aber das eigene Land nicht verlässt – die nationalistische Leseart von Blut und Boden; fast schon liberal, dass man das Kaff seiner Geburt verlassen darf. Aber die Denke ist noch da und informiert die deutschen Debatte.

Zu Integration benötigt es Eier - von der Aufnahmegesellschaft. (Flickr/Robert S. Donavan/CC BY 2.0)

Zu Integration benötigt es Eier – von der Aufnahmegesellschaft. (Flickr/Robert S. Donavan/CC BY 2.0)

Als Zuwanderer müsse man “sich integrieren” – besser noch “assimilieren”. Die Begriffe sind zweifellos unscharf – was sie aber nicht von ihrer diskursiven Sprengkraft befreit. So war die Empörung in Deutschland groß, als der türkische Obermotz Erdogan in Köln 2008 rund 20.000 Menschen türkischer Abstammung zwar zur Integration aufrief, aber deren Assimilation ablehnte. So zitierte ihn der Spiegel: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Was, sollte er es wirklich so gesagt haben, natürlich nicht richtig ist. Denn eine selbst gewählte Assimilation ist das Recht einer/s jeden. Ganz anders sieht das mit Zwang aus: das Verbieten und Unterdrücken von Minoritätssprache und Kultur ist ganz klar undemokratisch, im schlimmsten Fall verbrecherisch. Offenbar bemüht sich Erdogan selbst um eine Besserstellung der Kurden in der Türkei – sonst hätte er gerne auf sein Heimatland aufgrund jahrzehntelanger Zwangsassimilation der Kurden als Negativbeispiel hinweisen können.

Aber klar ist auch der deutsche Diskurs um die “Anpassungsleistungen” der Zuwanderer ein heiteres Wünsch-Dir-Was. Die Diskutanten haben die unterschiedlichsten Forderungen an die Zuwanderer, aber auch stets gleich die “Beweise” zur Hand, dass sie nicht erfüllt werden. So einfach lässt sich eine identitäre BringSCHULD eben nicht ablegen. Über Sprachkenntnisse und Gesetzestreue geht ein Gros der Forderungen klar hinaus – auch wenn dies anders dargestellt wird. Auf seine Alltagsbeobachtungen sollte man ja nicht all zu sehr abstellen, aber ich habe in Berlin nie mit Menschen mit Mh zu tun gehabt, die nicht zumindest ein okayes Deutsch sprechen konnten. In den fast ausschließlich von Zuwandererkindern besuchten Kitas in meiner ehemaligen Berliner Nachbarschaft wurde nur Deutsch gesprochen, ausnahmslos. Doch es gibt seriösere Quellen, die mich bestätigen:

Die 2009 publizierte Untersuchung “Zuwanderer in Deutschland” des Instituts für Demoskopie Allensbach kam zu dem Ergebnis, dass 70 Prozent der Personen mit türkischem Migrationshintergrund gute bis sehr gute Deutschkenntnisse haben (…)über mindestens gute Deutschkenntnisse verfügen demnach 83,5 Prozent der bis 34 Jahre alten Männer und 58, 4 Prozent der Männer über 35 Jahre, 34,9 Prozent der älteren und 70 Prozent der jüngeren Frauen.[i]

Das sind bemerkenswerte Zahlen, die von den Medien kaum bemerkt wurden. Denn man muss sich überlegen, dass die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln Gastarbeiter und deren Nachkommen sind, eher bildungsfern und dies – wie in nichtmigrantischen Familien auch – über die Generationen meist weitergegeben wird. Und damit meine ich ausdrücklich nicht INTELLIGENZ. Wer von uns ist ein Sprachgenie? Die wenigsten.

Nein, zweifelsohne sind sich die meisten islamkritisch gestimmten Deutschen darüber wohl bewusst, dass Sprache allein sie nicht glücklich macht. Es ist das pure Anderssein, das insbesondere muslimische Zuwanderer mit sich bringen, die sie als Provokation begreifen. Und ins Visier geraten dabei alle habhaften Merkmale dieser Andersartigkeit – so wie das Kopftuch der Muslimas. Das sowohl der Bau von Moscheen wie das Tragen eines Kopftuchs klar vom deutschen Grundgesetz gedeckt sind, lässt “Islamkritiker” kalt. Man ergeht sich in Blabla über eine „Kultur der Sichtbarkeit”, die das Tragen von langen Gewändern und Stoffen, die den Hals verbergen, angeblich nicht zulasse, der “Gleichberechtigung der Frau” – die von rechts-konservativer Seite selten mit so viel Eifer eingefordert wurde. Indem sie Regeln einfordern, die nicht kodifiziert sind,  verlassen die meisten „Islamkritiker“ den Boden des deutschen Grundgesetzes – “Linker” ist schon, wer auf die freiheitliche Demokratische Grundordnung aufmerksam macht.

Wer dazu gehört und wer nicht, liegt allein in der Hand der Aufnahmegesellschaft

Schon einmal probiert, sich in eine neue Gemeinschaft einzugliedern, die einen nicht haben wollte? Es ist schlicht nicht möglich. So wird man in Gesellschaften, die sich als “ethnische” Gemeinschaft verstehen, nie richtig ankommen, denn die Gesellschaft ist dafür nicht offen, eine Integration ist nicht vorgesehen. So kann man etwa Mandarin oder Thai lernen so lange man möchte, man bleibt immer Europäer dort. Die Nachkommen ebenso. Wenn eine Gesellschaft diese Barriere aufbaut, kann auch eine selbst gewählte Assimilation nicht gelingen. Der Vergleich der türkisch/südeuropäischen Einwanderung mit der Besiedlung der USA durch Europäer, den man in manchen Foren liest, hinkt gewaltig. Die Verteilung der Machtverhältnisse – technische, wirtschaftliche so wie militärische Überlegenheit – ist grundverschieden und liegt im ersteren Fall auf der Seite der Einwanderungsgesellschaft. Der Anpassungsdruck liegt ganz klar auf Seiten des Einwanderers:

Das Resultat dieser individuellen Anpassungsleistung wird jedoch ganz entscheidend durch die Struktur der Aufnahmegesellschaft bestimmt. Entscheidend ist dabei einerseits, welche Positionen Immigranten in der Aufnahmegesellschaft zuwiesen werden, und andererseits, ob die Aufnahmegesellschaft den vom Immigranten vollzogenen Rollenwechsel akzeptiert oder ob darüber hinaus weiterer Druck ausgeübt wird, auch solche kulturellen Eigenheiten abzulegen, die dieser eigentlich behalten möchte.[ii]

Was von der deutschen Gesellschaft dabei *theoretisch* verlangt wird, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Neudefinition von In- und Outgroup. Denn, klar ist (auch wenn ich es im Titel behaupte): „müssen“ tut die Aufnahmegesellschaft gar nichts. Andere Gesellschaften – wie die genannten asiatischen – tun es auch nicht. Frage ist nur, inwieweit man es Ernst meint mit den eigenen demokratischen Grundsätzen – etwa: Religionsfreiheit nicht nur für Katholiken und Protestanten – und einem Bekenntnis zu einer offenen, liberalen und großzügigen Gesellschaft. Hier kommt es ganz klar darauf an, ob dies der Gesellschaft wichtiger ist als die Grenzen dicht zu machen, ihre Minderheiten zu unterdrücken und darauf zu hoffen, dass nun bald wieder allealle ethnisch homogen sind, wie es so viele totalitäre Staaten nun einmal machen. Natürlich auch deswegen, weil homogene Gesellschaften sich besser unterdrücken lassen. Ist Demokratie für uns mehr, als alle vier Jahre zur Wahlurne zu rennen und ein Kreuz für die CDU zu machen? An der Zuwanderungsfrage entscheidet sich nicht viel weniger als wer man sein möchte. Was verlangt würde, ist weniger ein Wechsel im Handeln als im Denken.

Die Begriffspaare “Deutsche/r” und “Muslim” dürfen nicht mehr als Gegensatzpaare gedacht werden. Passable erste Schritte dazu gab es bereits um die Jahrtausendwende unter Rot-Grün, und die Medien spielten mit. Durch die regressiven Debatten im vergangenen Jahr allerdings – Stichworte Sarrazin und Christian Wulf  – und Breitseiten von Kanzlerin Merkel (“Multikulti ist gescheitert”) gab es einen illiberalen Rückschlag, und es wurde eine Mehrheitsmeinung etabliert, die eine Integration von Muslimen (“des Islams”) in Deutschland erheblich erschwert, bzw. nahezu ausschließt. Einer über die Sprache hinausgehenden Partizipation von Muslimen in Deutschland wurde damit das Wasser abgegraben, und gerade hier geborene junge Muslimen verprellt und in eine identitäre Limbostellung versetzt, mehr noch, als dies von Natur aus der Fall ist bei Zuwandererkids. Klar, dass hier keine deutschen Muslime geschaffen werden. Dies ist für alle hier lebenden Minoritäten ein Rückschlag – und letztlich bewegt sich Deutschland wieder mehr auf die Länder zu, in die Frau Merkel jetzt fährt, um „über Menschenrechte zu sprechen“.

 


[i] Bahners, Patrick. “Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. Beck, 2010: 146.

[ii] Aumüller, Jutta. “Assimilation. Kontroversen um ein migrationspolitisches Konzept. Transcript,  2009: 68.

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2 Responses to Integrationsbereitschaft – warum sie von der Gesellschaft ausgehen muss

  1. Hobo23 says:

    Ich finde es richtig die finanzeille und ideelle Unterstützung für den Arabischen Frühling zu würdigen. Es scheint mir allerdings nicht ausreichend, um unser aller Veratwortung gegenüber anderen Menschen gerecht zu werden. Um einem Menschen, der in einer existenziell bedrohlichen Lage ist, zu helfen, genügen nicht nur Gelder. Der Vergleich ist zwar nicht proportional, aber stellt dir mal vor, dass den Juden im nationalsozialistischen Deutschland nicht wenigstens zum Teil Asyl gewährt worden wäre… übrigens wohl der Hauptgrund für die rechtliche Verankerung von Asyl.
    Selbst wenn nicht davon auszugehen ist, dass all jene Flüchtlinge oder überhaupt irgendeine Gruppe von Menschen in der Welt sich lediglich aus höchst sympathischen und best qualifizierten Menschen zusammen setzt, ist das keine vernünftige Begründung dafür, die Schranken zu schließen. Vielmehr ist das ein Anreiz eine Asylregelung oder dauerhafte Integration möglichst so zu gestalten, dass es zu möglichst wenigen Schwierigkeiten kommt und die möglichen Probleme nicht zu unterschätzen, wie es allzu sehr passiert ist in der deutschen Integrationsgeschichte.

    Ich finde es sehr spannend, dass hier so unterschiedliche Meinungen vertreten sind. wir wollen uns ja auch nicht auf die Schultern klopfen, sondern gemeinsam über etwas nachdenken und uns austauschen…..

  2. Hobo23 says:

    ups, kommentar war für andre stelle gedacht.

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