Wir brauchen ZuwanderungABER!

Zeit-Online meckerte heute (1. Juni 2011) über mangelnde Willkommenskultur in Deutschland: „Ausländische Fachkräfte scheitern an der Bürokratie„. Ein Zuwanderungsgesetz, dass mit 107 Paragraphen effektiv hochgebildete Migranten abwehrt, Webseiten, die Deutschland im Ausland repräsentieren sollen, aber nur auf deutsch sind und somit von vorn herein signalisieren, dass Ausländer hier nicht den Hauch einer Chance haben und ein für Nichtdeutschsprachige kaum durchdringbarer universitärer Bürkratiedschungel. Deutschland, so Zeit-Online, möchte keine Einwanderung, und diese wird ausschließlich als Bedrohung gedacht. Das ist so richtig wie altbekannt, und ist Folge eines gesellschaftlichen Konsenses, den nahezu alle Parteien und Medien über Jahre hinweg gepflegt haben.

"Willkommen!" (Flickr/Brian Yap/unchanged/CC BY-NC 2.0)

„Willkommen!“ (Flickr/Brian Yap/unchanged/CC BY-NC 2.0)

Klar könnte man schon mal „anmerken“, dass Zeit-Online das Problem wieder mal rein ökonomisch aufschlüsselt: „Wen braucht Deutschland“? Man hätte dabei mitdenken können, wie viele Flüchtlinge in Deutschland Asyl bzw. Flüchtlingsschutz erhalten. Letztes Jahr lediglich 15 Prozent – von 50.000 Menschen (Asyl darunter nur 1,3 Prozent, die verbleibenden 14 Prozent subsidiären Flüchtlingsschutz, bei dem theoretisch jederzeit abgeschoben werden kann). Skandalös für ein Land, dessen Kanzlerin im Ausland gerne „über Menschenrechte spricht“. Aber sicherlich ist es auch legitim, wenn Deutschland wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Politisch gesehen war man sich in den Volksparteien dabei stets einig, dass man Zuwanderung nicht will. So sprach sich auch der damalige Arbeitsminister Müntefering immer dafür aus, „zunächst hiesige Arbeitslose in den Markt zu integrieren, bevor man Zuwanderer holt“. Das ist eigentlich bis heute das unangefochtene Axiom wenn es um qualifizierte Zuwanderung geht, das Totschlagargument schlechthin. *Zunächst* müsse man hiesige Arbeitslose eingliedern – das hört man in jeder Talkshow zum Thema 30 mal.

Aus dem Satz lässt sich so einiges herauslesen. Erstens: „Jeder (Deutsche) kann jeden Job machen“. Ein seit 15 Jahren arbeitsloser Klempner kann – dank deutscher Fortbildungen – zum Ingenieur weitergebildet werden. Zweitens: Das Wort „zunächst“, wahlweise „erstmal“ impliziert, dass „irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem die Arbeitslosenrate niedrig genug ist ist, um Zuwanderer ins Land zu holen.“ Wird natürlich nie passieren – man möchte die Entscheidung zu mehr Zuwanderung auf den Sankt Nimmerleinstag verlegen. Fortbilden und *gleichzeitig* um geeignete Zuzügler werben geht offenbar nicht. Drittens: „Zuwanderer kann man immer haben, um ein liberales, weltoffenes Klima im Land muss man sich nicht kümmern“ – das ist geballte Ignoranz.  So etwas lockt vielleicht noch bei Menschen, die in ihren Heimatländern verfolgt werden oder noch schlimmeres. Qualifizierte Zuwanderer jedoch können sich hingegen oft aussuchen, wo sie hingehen. Und da gibt es einfach Länder, die offener und toleranter sind und in denen sie keine Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder Religion zu befürchten haben. Mal ganz abgesehen davon, dass Deutsch kaum jemand spricht und es obendrein schwierig zu lernen ist. Last but not least steckt darin: „Ein Ausländer kann niemals Arbeitsplätze schaffen, er kann sie nur wegnehmen.“  In dem Satz „man müsse erstmal hiesige Menschen in Arbeit bringen“ steckt so ziemlich die gesammelte Xenophobie und Bedenkenträgerei unserer Gesellschaft. Wer würde da als nigerianischer Ingenieur oder als Mathematiker aus Bangladesh nicht lieber nach Kanada oder nach Australien gehen? Und diese Denke durchdringt auch unser Zuwanderungsrecht.

Unsere politische Klasse hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden, sie wird getrieben – das „E-Wort/Z-Wort“ muss um jeden Preis vermieden werden, oder aber mit sofortigen Attributen versehen werden, die es einschränken. „Wir brauchen ZuwanderungABER.“ ABER – das muss ganz schnell nach dem Wort Zuwanderung gesagt werden. Oder man führt ein „Workaround“ ein. Angela Merkel und die CDU sprechen lieber vom „Integrationsland“ als vom „Einwanderungsland“ Deutschland. Man hört richtig die darin glimmende Hoffnung, dass bald alle integriert sind, keiner mehr kommt und „“wir“ endlich wieder unter uns sind.“ Aaaahhhhh. Sonnenschein. Die Berge. Niemand will mehr die Scharia einführen. Balsam auf der Seele des Konservativen.

Zu einer kreativen Zuwanderungspolitik, die soziale wie wirtschaftliche Komponenten verbindet, ist die Politik nicht fähig

Schwarz-Gelb lehnt ein Punktesystem ab, wie es klassische Einwanderungsländer haben. Denn warum scheut man den Begriff „Einwanderungsland“ wie der Teufel das Weihwasser? Weil man als „Einwanderungsland“ Zuwanderung zulassen müsste – zu einer sozialen wie nach wirtschaftlichen Punkten ausgestalteten Zuwanderungspolitik fehlt der Politik allerdings die Kreativität und der Mut. Dennoch hatte sich die konservativ-liberale Koalition zu Beginn der Legislaturperiode vorgenommen, die bürokratischen Hürden für Hochqualifizierte aus dem Ausland abzubauen. Ein erster Schritt dazu war ja bereits unter Schwarz-Rot geschehen. Das Gehalt, das Zuwanderer in Aussicht haben müssen, wurde von 85.000 auf 60.000 Euro jährlich gesenkt. 5.000 Euro monatlich netto – und das als Einstiegsgehalt! Das werd ich aller Vorraussicht nach bei meinem jetzigen Arbeitgeber auch in 10 Jahren nicht verdienen. Vor allem: Kriegen Hochqualifizierte immer gleich auch ein hohes Gehalt? Die wenigsten Akademiker verdienen heute noch so viel. Bloß niemanden reinlassen, der irgendwann mal arbeitslos sein könnte – Big Media Brother is watching you. Die Politik wird von Angst dirigiert, nicht von Optimismus und „Yes-We-Can“.

Klar, dass die beiden Themen qualifizierte und unqualifizierte Einwanderung zusammengedacht werden müssen. Die Medien lieben es einfach, Bedrohungen von Aussen zu malen, und das, zusammen mit einer gehörigen Ignoranz und Blasiertheit gegenüber anderen Kulturen, bestimmt hierzulande die Zuwanderungsdebatte. Da kann sich auch Zeit-Online nicht ausnehmen, wenn sie es auch mit weniger Populismus als andere Medien machen. Denn auch im heutigen Artikel werden Zuwanderergruppen gegeneinander ausgespielt, und ganz in Übereinstimmung mit dem „islamkritischen“ Dogma, ist die Ostasiatin Ding Yan studiert, spricht fließend deutsch und will weg, und die ostanatolische Türkin, Nebahat Sönmez „– keine Ausbildung, kein Job –“ will bleiben. Bildungsfern und muslimisch, natürlich. Paradeasiatin gegen Paradetürkin – die deutsche „Zuwanderungsmisere“. Ich behaupte ja: Erst, wenn diese Gesellschaft hier bereit ist, auch mit einer Frau Sönmez respekt- und verständnisvoll umzugehen, bleibt auch eine Ding Yan hier gerne.

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6 Responses to Wir brauchen ZuwanderungABER!

  1. Pingback: Das Asylbewerberloswerdegesetz (AsylbLG) – wenn Rassismus Gesetz wird | berlintegration.net

  2. Elias says:

    Wirklich Nice! i like it! Wo ist denn der Facebook-Like-Button?

    • admin says:

      Hi,

      danke. Hatte ich für kurze Zeit auf der ersten Version meines Blogs, hab ich durch einen generellen Verweis auf meine Facebook-Präsenz ersetzt. Freue mich über weitere Likes, Berlintegration könnte einen Push vertragen…

    • kain says:

      schöner name, ist der biblisch?;)

  3. kain says:

    kleine anmerkung:)asyl hat nichts mit zuwanderung zutun^^ansonsten sind im dem artikel viele wichtige Probleme angeführt…die dazu führen dass qualifizierte menschen abwandern und auch keine einwandern…das definitiv was mit den unfähigen Politikern zutun, aber überall gleich fremdenfeindlichkeit, fremdenangst und rassismus, als ursache, zu vermuten, ist wohl ein bischen zu einfach..
    sonst ein toller beitrag;)gefällt mir 😛

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