Warum die “Islamkritik” keine Kritik ist

Klar nennt sich die Islamkritik “Kritik” – schon ganz einfach, um ihren aus ihrer Sicht demokratischen Anspruch zu bekräftigen.  Eine Kritik einfach als rechten Unsinn abzutun, das setzt den sie so Kritisierenden ins Unrecht – so versucht sich die Islamkritik schon nominell gegen den Vorwurf rückzuversichern, der ihr auch meistens gemacht wird: lediglich fremdenfeindliches Ressentiment zu sein. Sie ist es aber.

Henryk Broder, schlauer Intellektueller und "Islamkritiker", überlegt sich eine Theorie. (Wikipedia/Bernd Schwabe in Hannover/eigene Kombo/CC AS A 3.0)

Henryk Broder, schlauer Intellektueller und „Islamkritiker“, überlegt sich eine Theorie. (Wikipedia/Bernd Schwabe in Hannover/eigene Kombo/CC AS A 3.0)

Um mal ganz basic-mäßig und populär mit Wikipedia anzufangen – Wiki unterschiedet (gekürzt) folgende Kritik-Arten:

·  abolitionistische Kritik: eine, Kritik, die eine Abschaffung oder ein Abwenden von einem Gegenstand oder einer Praxis fordert

· positive Kritik: ein Lob, die Anerkennung

·  negative Kritik: ein Tadel

· konstruktive Kritik: eine Kritik, die auf Verbesserung des Gegenstandes abzielt (siehe auch: Correctio Fraterna)

· destruktive Kritik: eine Kritik, die auf die Vernichtung des Gegenstandes abzielt (siehe auch: Verriss)

· Selbstkritik: die differenzierte Überprüfung eigenen Verhaltens und/oder eigener Anschauungen

Hier kämen für die selbsternannte Islamkritik drei mögliche Varianten in Frage: die abolitionistische Kritik, die negative Kritik und die destruktive Kritik. Alles drei völlig demokratische Spielformen des Umgangs – wenn sie bestimmten Kriterien gehorchen. Wikipedia nennt hier:

Kritik ist nicht etwas allgemeines, sondern eine je bestimmte Tätigkeit der Reflexion auf einen Gegenstand der Reflexion, die getätigt wird von einem ganz bestimmten Ort. (…)

Kritik ist dann nicht mehr als Kritik erkennbar, wenn „sie nur noch als rein verallgemeinerbare Praxis dasteht.“[1] Hier grenzt sich Kritik von anderen Begriffen, etwa Krittelei,[2] ab.

Mal angenommen dies ist wahr, und Kritik sollte spezifisch sein – welches Objekt hat die “Islamkritik” im Visier? Sie kritisiert sowohl das religiöse Wort (Koran) als auch mutmaßliche islamische Traditionen und “Bräuche” (“ Sunna, Ehrenmord”, ”Zwangsheirat”, Mangel an Frauenrechten und “Kopftuch”) sowie politische Praxis in islamischen Ländern (die barbarischen Todesstrafen im Iran und in Saudi-Arabien und Ausgrenzung von Minderheiten). Im Visier der Islamkritik (in der Breite) sind dabei – man kann es nicht anders sagen – derzeit 1,57 Milliarden Menschen, alle Muslime dieser Welt.

Und klar machen einzelne spezifische Kritikpunkte auch Sinn: Die Stellung der Frau etwa in Pakistan ist katastrophal, der Iran ist unbestritten ein undemokratischer Terrorstaat (gg. die eigene Bevölkerung). Dies einzeln zu analysieren – wissenschaftlich – macht Sinn, ebenso es – politisch – zu kritisieren. Eine wissenschaftliche Analyse käme stets zu multifaktoriellen Erklärungen, die soziale sowie politische Aspekte miteinbeziehen. Die “Islamkritik” ist hier etwas einfacher gestrickt. Für sie ist an allem “der Islam” die Wurzel allen Übels, und so ziemlich alle Muslime sind für sie auch gleich.

Offenherzig ist da Henryk Broder. Für ihn führt „eine direkte Linie von der Al Qaida im Irak und der Intifada in Palästina zu den Jugendlichen mit ,Migrationshintergrund’ in Neukölln und Moabit“. Alles das Gleiche – “Der Mohammedaner an sich”. So liest man auch nicht selten in Online-Foren von bekennenden Islamkritikern: “Warum tragen die Frauen hier ein Kopftuch, ich gehe ja auch in Saudi-Arabien/Iran/Afghanistan nicht mit Badehose auf die Straße!” Die meist türkischstämmigen Zuwanderer in Deutschland werden für Fehlentwicklungen in der gesamten islamischen Welt haftbar gemacht. Türken, Araber, Asiaten, warum groß differenzieren. (Ganz abgesehen davon, dass hier das Selbstverständnis eines demokratischen Rechtsstaates gegen Unrechtstaaten wie Iran und Saudi Arabien aufgerechnet wird und natürlich dem Fakt, dass man reichlich deutschen Urlaubern in Badehose in der Türkei begegnet.)

Und dies mit Konsequenzen – sich berufend auf “islamkritische” Intellektuelle, wird in Deutschland gegen Moscheen demonstriert, man applaudiert Ländern wie der Schweiz, Belgien und Frankreich, die die Religionsausübung für Muslime einschränken. Die Zahlen bestätigen den Vormarsch der Intoleranz – inzwischen wünschen sich laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung fast 60 Prozent der Deutschen, dass die Religionsfreiheit für Muslime in Deutschland erheblich beschnitten werden sollte. In der Mehrheitsmeinung hat sich das Bild vom “Moslem an sich” durchgesetzt. Also: Was den Islamkritik von einer wahren Kritik unterscheidet, ist einmal die mangelnde Spezifizierung.

Zweitens: Was macht eigentlich diese besondere Würze der Islamkritik aus, warum gibt es Menschen die sich “Islamkritiker” nennnen, warum gibt es etwa keine Hinduismus-Kritiker, obwohl die Stellung der Frau in Indien wahrscheinlich ebenso miserabel ist wie in Pakistan, das Kastensystem einfach unmenschlich? Warum kritisiert man den Alleingeltungsanspruch der Zeugen Jehovas nicht mit so viel Verve, warum die Radikalität der Mormonen nicht so massiv?

Ganz einfach: Muslime sind hier, und dies in wahrnehmbarer Anzahl. Und wesentlicher “Kritikpunkt” am Islam ist eine aus ihm resultierende angebliche “Integrationsverweigerung”. Muslime kamen als Zuwanderer nach Deutschland – anders als etwa Hindus, Juden, Mormonen die  nur in winzigen Zahlen in Deutschland leben. Und das macht die Sache so pikant – und aus der Islamkritik gleichsam eine Zuwanderungskritik bzw. eine Kritik an Zuwanderern. Und daher richtet sie sich auch gegen die Politik, die man für die aus ihrer Sicht schlimme Situation verantwortlich macht. Dazu gehören eine (realiter nicht stattfindende) islamische Massenzuwanderung und mutmaßliche Zugeständnisse an Muslime, an denen man die langsame, aber sichere Einführung der Scharia in Deutschland ablesen könne.

Was genau macht also den Unterschied der Islamkritik zum fremdenfeindlichen Ressentiment? Zweitere nennt sich “Kritik” – das ist alles. Beide spezifizieren nicht, sie werfen zusammen was ihrer Meinung nach zusammen gehört, beide richten sich gegen eine im Land befindliche Minderheit die man als Bedrohung wähnt und/oder also solche aus opportunen Gründen aufjazzen möchte. Beide geschehen nicht aus einem Momentum des Erkenntnisgewinns und der Neugier (wie es eine wissenschaftliche Kritik wohl zum Ziel hätte), sondern aus einem Momentum der Angst und der Hysterie, sie analysieren nicht, sie bauschen auf, sie argumentieren nicht, sie beschimpfen.

Der Konflikt um den es der Islamkritik geht, ist nicht die Frauenfeindlichkeit, der Antisemitismus oder die Homophobie in islamischen Ländern, dazu sind zuviele Islamkritiker (mit multiplen Gruppenfeindlichkeiten) selber belastet. Es sind Verteilungskämpfe – eine alternde, schrumpfende nichtmigrantische Bevölkerung sieht sich selbst einer jungen migrantischen gegenüber. Dass sich Intellektuelle wie Schwarzer, Broder und Kelek  – die wohl selbst keine Fremdenfeinde sind – sich vor den Karren dieser “neuen” Fremdenfeindlichkeit spannen lassen, ist das eigentlich Befremdliche an dieser Entwicklung. Und schade ist es auch.

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6 Responses to Warum die “Islamkritik” keine Kritik ist

  1. Kain says:

    die türkei war ein ganz schlechtes beispiel…ganz schlecht. Haben sie den Koran gelesen? Haben sie sich mit problemen auseinandergesetzt die entstehen, wenn religiöse menschen sehr stark von Menschen beeinflusst werden die eben genau aus diesen Ländern kommen in denen es unrechtsstaaten gibt..?und was es mit Fremdenfeindlichkeit zutun hat verstehe ich nicht…es gibt schließlich auch konvertierte Deutsche Moslems…und ich soweit ich weiß ist keiner der hier genannten Interlektuellen dazu übergegang zusagen, alle moslems sind gleich zu sagen, oder alle in einen topf zuwerfen, lediglich das der politische Islam ein problem ist und das diese problem erkannt werden sollte, ist die Meinung dieser..ich frage mich was moderate Moslems, die hier in ruhe leben wollen, zu dem ganzen sagen würden:)

  2. Alexei says:

    Gefaellt mir gut der Blog. Gute Themenwahl.

  3. Lasse says:

    Hast du noch fortfuehrende Informationen darueber ?

  4. Many says:

    Problematisch und heuchlerisch ist diese Kritik am Islam, weil es ihr z.B. gar nicht um religiöse Bekehrung geht. Opfer der Härten und islamkonservativen Restriktionen sind zumeist die Angehörigen dieser Religion und ihrer Parallelwelt, nicht die „Islamkritiker“. Ausserdem ist das Ziel von Islamkritik oftmals keine Emanzipation.

    Die Frage ist, ob es eine Aufklärung im Islam gibt. Eigentlich geht es bei dem Konflikt gar nicht allein um dem Islam, sondern die Abrechnung mit einer verharmlosenden Diskurspraxis. Der Islam setzt trotz des Geschreis für und wider den Islam eben nicht die Agenda in unsrem Land.

    Es kommt etwas weiteres hinzu, nämlich dass der Islam ein Hilfsargument zur Identitätsfindung von den Nachfahren areligiöser Migranten geworden ist und im Widerspruch zu Moderne und GG steht. Es ist der Stachel, einerseits deutschen Konservatismus zu bekämpfen und andererseits den Rückschritt von Migranten in den religiösen Konservatismus zu hofieren.

    Ob man da eine positive emanzipatorische Agenda schaffen kann, die dem Islam das Schwert aus der Hand nimmt und Versöhnung im Weltbürgertum herstellt ganz im Geiste der Aufklärung?

  5. Hottereichlich says:

    Ist richtig, der Artikel, ich habe trotzdem was gegen die Ausbreitung dieser Religion und/oder Kultur, insbesondere in meinem Land. Bedeutet fuer mich in erster Linie krasse Absenkung des Niveaus. Und meine Alltagserfahrung und die meiner Kinder zeigt: Wenn Aerger, dann mit Tuerken oder Arabern. Ob Moslems oder nicht, ist mir schnuppe. Da soll ich drueber jubeln und Broder verdammen? Umgekehrt wird ein Schuh draus, die Relativisten und Verharmloser, die Kinderlosen und Linksutopisten, die sind es, die unser Land gegen die Wand fahren. Aber wenn selbst die Ebert-Stiftung sieht, dass sicher der Wind dreht, ist vielleicht noch nicht alles verloren. Und, nein, ich nix Rassist, Frau ist russische Juedin, die von den „Suedlaendern“ aber auch so was die Schnauze voll hat.

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